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Schluss mit bezahlten Dolmetscher-Einsätzen beim Arzt?

Bezahlte Dolmetscher-Einsätze beim Arzt

Die Mittel werden wohl eingefroren

Als die Organisation mit dem größten Dolmetscher-Pool im Kreis Tübingen, die Caritas, schon im Frühsommer 2017 mit bis dahin 220 Einsätzen ihr Maximum erreicht hatte, zog sie die Reißleine. Die Verständigungsprobleme zwischen Ärzt*innen und Patient*innen seien immens, so begründete sie diesen Schritt, gute Dolmetscher*innen seien gefragter denn je; aber sie arbeiteten auch nicht kostenlos, und nun sei schlicht die Kasse leer.

Die Caritas möchte mehr Geld. Vom Landratsamt. Nein, das sei nicht der richtige Weg, kontert die Behörde, Dolmetscher-Einsätze in diesem Umfang brauche man nicht. Die niedergelassene Ärzteschaft solle die Option Dolmetscher einfach nicht mehr so extensiv nutzen wie in diesem Jahr. Mit anderen Worten: Der Einsatz von Dolmetscher* innen müsse und könne reduziert werden, dann reichten auch die Mittel aus.

Aus der Sicht des Landratsamtes zielführend, sprich: kostenreduzierend, sind auch die Ressourcen der Geflüchteten selbst. Das (Über-)Angebot an Sprachkursen, das Internet mit seinen Übersetzungsmöglichkeiten und vor allem ihre deutschsprachigen Familienangehörigen oder Freunde müssten und könnten von ihnen effektiver genutzt werden – gewissermaßen als Eigenbeitrag zu ihrer Integration. In Härtefällen seien natürlich Sonderlösungen möglich. Die Leistungen des Landratsamtes seien aber freiwillig und würden jedenfalls nicht erhöht.

„Freiwillig“ heißt: Für die Finanzierung der Dolmetscherdienste bei medizinischen Behandlungen  herrscht eine Lücke im Gesetz. Die in Frage kommenden Kostenträger, z. B. die Kassen, können sich daher weigern, für diejenigen Kosten aufzukommen, die durch Übersetzungsdienste entstehen. Darüber hinaus fehlen flächendeckende Angebote und einheitlichen Standards. Patient*innen, die sich nicht adäquat ausdrücken können, Ärzt*innen, die aufgrund von Missverständnissen bei der Anamnese zu Fehlbeurteilungen kommen und ggf. Haftungsrisiken eingehen, und Not-Übersetzer*innen aus dem privaten Umfeld der Geflüchteten, die unter Umständen mit ihrer Rolle überfordert sind – dies alles wird billigend in Kauf genommen, auf die Gefahr hin, dass die jeweilige medizinische Behandlung nicht angemessen erfolgt.

Genauso gewagt erscheint aber auch der vom Landratsamt ins Spiel gebrachte Zusammenhang zwischen Dolmetscherbedarf und Integration. Ein Geflüchteter soll Verwandte oder Freunde zu Übersetzungszwecken mit in die Arztpraxis mitbringen und damit zeigen, dass er integrationsbereit oder -fähig ist, das ist die Sichtweise des LRA. Sind aber die von der Caritas angeführten Verständigungsprobleme nicht wesentlich komplexer als die reine Übersetzung der Mitteilungen von Arzt zu Patient? Zu unterschiedlich sind doch die kulturellen Prägungen von Arzt und Patient, die in der Praxis aufeinandertreffen, zu gering doch die Erfahrungen der Geflüchteten mit unserem technisch hochentwickelten Gesundheitssystem, zu stark vielleicht auch Angst und Misstrauen. Die Erfahrung zeigt: Als Dolmetscher*in unterwegs zu sein, und zwar im Interesse der Integration von Geflüchteten – das erfordert Kenntnisse weit über sprachliche Aspekte hinaus. Übersetzen im Dienst der Integration ist auch eine Vermittlungsaufgabe im kulturellen Sinn, die hohe Ansprüche an das Geschick der Vermittler*innen stellt. Was Arzt und Patient wirklich brauchen, ist eine kultursensible Begleitung zu beiden Seiten hin, die zu einer besseren Verständigung und damit auch eher zum Wiedergesundwerden und Gesundbleiben führt, vor allem, wenn es nicht nur um Husten, Schnupfen, Heiserkeit geht, sondern um chronische Leiden, HIV oder andere lebensbedrohliche Erkrankungen und nicht zuletzt auch um posttraumatische Belastungsstörungen als Folge der Flucht. Und darum können gute, d. h. auch interkulturell versierte Dolmetscher*innen auch nicht ohne Weiteres durch Familienmitglieder oder Freunde ersetzt werden. Davon abgesehen: Über das eine oder andere gesundheitliche Problem äußern sich Geflüchtete nicht in Gegenwart ihrer community.

Dolmetscher*innen mit kulturvermittelnder Ausrichtung müssen für ihre Aufgabe qualifiziert werden. Das erfordert Schulung, Supervision und Qualitätssicherung. Die Schulung kostet Geld und Geduld. Wer rein rechnerisch vorgeht, wird in Betracht ziehen müssen, dass eine unzureichende Kommunikation mit Patient*innen sowie die mangelnde Berücksichtigung ihres kulturellen Hintergrundes zu Fehldiagnosen, Behandlungsfehlern, verzichtbaren Mehrfachuntersuchungen und im Endeffekt zu einer längeren Verweildauer im Krankenhaus führen können, die das Gesundheitssystem mit Zusatzkosten belasten. Diese Seite der Rechnung wird aber in der laufenden Debatte noch nicht aufgemacht. Und daher fehlt auch der Hinweis, dass sich beispielsweise 25 Euro pro Stunde Dolmetschereinsatz zuzüglich Fahrtkostenpauschale zuzüglich kostenloser, umfangreicher Schulungsangebote und kostenloser Supervision als sinnvolle Investition erweisen, weil nämlich gleichzeitig die Behandlungsdauer kürzer wird.

Aus dieser Perspektive muss die Entscheidung, ob in einer konkreten Behandlungssituation die Unterstützung eines Dolmetschers erforderlich ist und wenn ja, wie oft, nur dem Arzt bzw. die Ärztin überlassen bleiben. Die Ärzte in diesem Punkt zur Mäßigung anzuhalten, kann im Einzelfall zu gravierenden Folgen beim Patienten führen. Die Gesundheit auch der Geflüchteten sicherzustellen, gehört zum Aufgabenbereich des Staates. Die immer noch herrschende Gesetzeslücke bei der Kostendeckung von Dolmetscherdiensten grenzt an einen Skandal – darauf hat nicht zuletzt der Deutsche Ärztetag anlässlich seiner Jahrestagung 2017 hingewiesen. Und wenn alle, die zur Kostendeckung von Dolmetscherdiensten herangezogen werden könnten, also auch die Kassen und/oder die Steuerzahler, die Kostenübernahme von sich weisen, wenn damit auch die Verantwortung für die Überwindung aller Stolpersteine in unserem Gesundheitssystem letztlich den Geflüchteten als Bringeschuld zugeschoben wird, steht die Aufgabe des Anspruchs an die Qualität der Integration bevor, noch ehe das Integrationsmanagement überhaupt begonnen hat. Kurzum: Die Argumentation des Landratsamtes greift viel zu kurz und erfüllt in punkto Integration die Hoffnungen nicht.

Alternativen
Auch schon vor 2015 sind regelmäßig Flüchtlinge und Migranten nach Deutschland eingewandert und haben das Fachpersonal mit Verständigungsproblemen konfrontiert. Vor diesem Hintergrund hat z. B. das Ethno-Medizinische Zentrum e.V. in Hannover schon in den 90er Jahren „Gemeindedolmetschen“ als neues Arbeitsgebiet auch im Gesundheitswesen entdeckt. Aus einem zunächst für den Verwaltungsapparat gedachten Pool hat sich inzwischen ein ganzes Zentrum entwickelt, das Kliniken, psychiatrische Landeskrankenhäuser, Arztpraxen, Rentenversicherungsträger, Sozialdienste und Beratungsstellen, Justizvollzugsanstalten und Einrichtungen aus dem Asyl- und Flüchtlingsbereich mit professionellen Dolmetscher*innen bedient. Rund 180 Dolmetscher*innen übersetzen in über 50 Sprachen und Dialekten mündlich in die jeweilige Muttersprache der Klient*innen. Ein Teil von ihnen ist zusätzlich für Übersetzungen bei Gericht geschult. Der Pool bietet sowohl Vor-Ort-Einsätze als auch schriftliche Übersetzungen zu günstigen Preisen an. Näheres lässt sich der Homepage des Ethno-Medizinischen Zentrums entnehmen.

Dort heißt es unter anderem:
„Um die Versorgungsstandards in einer bestimmten Region zu heben, ist die Vernetzung möglichst vieler Einrichtungen des Gesundheits- und psycho-sozialen Sektors erforderlich. … Dolmetscher-Dienste, die sich an diesem Ziel orientieren, beschränken ihren Service daher nicht auf eine einzelne Einrichtung. Ein Dolmetscher-Service sollte einfach und kundenorientiert allen interessierten staatlichen bzw. öffentlichen Organisationen zur Verfügung stehen, um so einen konzeptionellen Beitrag zur Integration von Migrantinnen und Migranten in kommunale Regeldienste und Angebote zu fördern.“ …“Der professionelle und gezielte Einsatz von Dolmetscher*innen ist ein Mittel zur Ausgestaltung von Integrationsprozessen, welches hilft, die Interessen von Flüchtlingen und Migranten wahrzunehmen und zu berücksichtigen. Zudem eröffnet ein geordnetes Dolmetscherwesen, z. B. auf Gemeindeebene, auch ein völlig neues Arbeitsfeld für Migranten. Und medizinische Einrichtungen schätzen die Möglichkeit, kurzfristig ohne größeren Verwaltungsaufwand und mit einer planbaren Kostensicherheit auf Dolmetscher*innen zurückgreifen zu können.“

Bremen, Berlin und München haben sich mit ähnlichen Pool-Lösungen angeschlossen. 

Monika Petersen

 

 

 

So will das Landratsamt die Ausgaben für Dolmetscher ab sofort steuern:

1.         Die Anzahl der bezahlten Dolmetschereinsätze wird auf zwei Termine pro Klient/in und pro Praxis begrenzt.

2.         Die Anfragen des Uniklinikums Tübingen werden nicht mehr bearbeitet.

3.         Die Einsätze vom Jobcenter werden bis Ende des Jahres konsequent auf 30 Einsätze/Monat beschränkt.

4.         Die Einsätze der Beratungsstellen in Rottenburg werden nicht mehr bedient.

Angaben vom Landratsamt Tübingen

 

 

Wo liegen die Vorteile

alternativer Lösungen?

Es gibt

-    flächendeckende Konzeptionen und Standards des Dolmetschens

-    entsprechende Ausbildungs- und Prüfungsrichtlinien

-    Honorarordnungen und Qualitätsstandards der sprachlichen Verständigung im Sozial- und Gesundheitswesen. Hierzu zählen u. a. klare Richtlinien darüber, wann konkret der Einsatz eines professionellen Dolmetschers notwendig und verpflichtend ist

-    eine Weiterentwicklung der medizinischen Angebote im interkulturellen Sinn durch Einbindung der Dolmetscherzentren in die soziale und medizinische Versorgung der jeweiligen Region

-    Qualitätssicherung, Kostenkontrolle und Schulung bzw. ständige Fortbildung als Aufgabe von Dolmetscherzentren sichern einen einheitlichen Standard.

 

Quelle: http://www.ethno-medizinisches-zentrum.de/

 

 

Im Landkreis Tübingen hat Rottenburg einen eigenen Dolmetscher-Pool aufgebaut. Bleibt zu hoffen, dass jetzt nicht jede Kommune, die sich diesem Schritt eventuell anschließt, das Rad neu erfindet und dadurch ungleiche Standards entstehen.

Die Berichterstattung über die laufende Entwicklung wird an dieser Stelle fortgesetzt.