Logo-FHKTUE.png

Kontakt ▶         Impressum ▶

Datum: 
Dienstag, 13. November 2018 - 12:30

Offener Brief: Lernförderung für geflüchtete Schüler*innen und BuT-Anträge

Der Brief wurde an Frau Widmann-Mauz, Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Frau Susanne Eisenmann, Kultusministerin BaWü, Daniel Lede Abal, Integrationsbeauftragter der Günen-Fraktion BaWü, Martin Rosemann, MdB,  Landrat Walter und die Vorsitzenden der Kreistagsfraktionen im Landkreis Tübingen versendet.
Bisherige Antworten:

Wir wenden uns heute an Sie, weil wir – die Vernetzung der Flüchtlingshilfen im Kreis Tübingen - eklatante Probleme bei der schulischen Förderung und Begleitung von Kindern aus den hier lebenden Familien mit Fluchthintergrund haben. Konkret stellen wir fest, dass die Anträge auf Förderung vor allem in Form von Nachhilfe im Rahmen des „Bildung und Teilhabe“-Programms reihenweise abgelehnt werden, größtenteils mit aus unserer Sicht nicht nachvollziehbaren Begründungen.

Zum Hintergrund: Bei den in unseren Gemeinden lebenden Geflüchteten handelt es sich oft um Familien mit Kindern, viele davon im schulpflichtigen Alter. In den meisten Schulen gibt es keine ausreichenden Ganztags- oder Förderangebote, oft auch wegen fehlender Lehrerressourcen.  Dadurch gestalten sich die schulische Situation und der Lernerfolg äußerst unbefriedigend und entsprechen nicht dem möglichen Lernerfolg der Kinder.

Viele Unterstützerkreise haben darauf reagiert und  „Lernbegleiter*innen-Projekte“ ins Leben gerufen. In Eigeninitiative wurden Lernpat*innen gewonnen, die an den individuellen Bedürfnissen der Kinder orientierte Unterstützung in schulischen Belangen leisten.

In der großen Mehrzahl der Fälle wurde die Lernbegleitung bisher nach Genehmigung eines entsprechenden BuT-Antrags finanziert. Bewilligt wurden die Anträge vom Landratsamt Tübingen.

Seit Ende vergangenen Jahres machen wir nun aber die Erfahrung, dass Folgeanträge nach dem BuT-Programm abgelehnt werden. Die Begründungen für die Ablehnungen sind unterschiedlicher Art, die für uns oft nicht nachvollziehbar sind. Es drängt sich der Eindruck auf, dass es eine strikte Sparvorgabe gibt, die in Form der Ablehnung solcher Anträge umgesetzt wird.

Wenn sich die Vermutung bestätigen sollte, dass es sich bei der gehäuften Ablehnung von BuT-Anträgen um einen politisch gewollten Umstand handelt, hielten wir dies für eine höchst problematische Angelegenheit, die wir nicht ohne weiteres hinnehmen wollen. Dass es einen erheblichen Bedarf an Lernförderung gerade bei Kindern und Jugendlichen aus geflüchteten Familien gibt, brauchen wir hier sicherlich ebenso wenig weiter auszuführen wie die Bedeutung schulischen Vorankommens für die Integration insgesamt. Gerade die Eingliederung von jungen Menschen, die aus Vorbereitungsklassen in den regulären Schulbetrieb wechseln, funktioniert ohne begleitende Lernförderung häufig nicht.

Die hervorragend funktionierenden Lernbegleiter*innen-Projekte werden durch den Wegfall der BuT-Finanzierung in vielen Fällen ernstlich gefährdet. Die Unterstützerkreise können die Lernbegleitung nicht auf Dauer aus eigenen Mitteln finanzieren.

Zahlreiche geflüchtete Schulkinder brauchten eine nicht nur kurzfristige Förderung, um einen schulischen Misserfolg abwenden zu können, sondern eine gezielte langfristige Unterstützung, um fehlende Schuljahre aufzuholen oder sich an den Bildungsstand anpassen zu können. Diese Kinder werden nur ihrer Alterstufe entsprechend in die Klassen eingeteilt. Auf ihr tatsächliches Bildungsniveau und ihren individuellen Förderbedarf in einzelnen Fächern wird keine Rücksicht genommen. Da die Schulen, die diese Förderung eigentlich leisten müssten, dies in der Praxis nicht oder nicht ausreichend leisten können, sollten vorhandene Instrumente wie die BuT-Finanzierung für diese Förderung eingesetzt werden können.

Unsere Forderung ist daher, dass die Mittel für das BuT-Programm den dringenden Bedürfnissen von geflüchteten Kindern angepasst werden.

Wir möchten Ihnen die Problematik an einigen Fallbeispielen verdeutlichen, die für sich selbst sprechen:

Fall 1: Ein Kind kommt nach 2 Jahren Flucht (Lagerleben, ohne Schulbesuch) mit 8 Jahren nach Deutschland.

  • besucht einige Monate eine Integrationsklasse in der Grundschule,
  • besucht danach zwei Jahre Regelklassen in der Grundschule mit sehr mangelndem Erfolg.
  • wechselt entsprechend seinem Alter in eine weiterführende Schule in die fünfte (!) Klasse.

Der Schülerin fehlen 2 Schuljahre. Außerdem muss sie nebenher noch Deutsch lernen und sich in eine für sie fremde Kultur einfinden. Um die erheblichen Wissenslücken schneller zu schließen wurde im Einvernehmen mit der Schule die Lernförderung beantragt.

Fall 2: Ein Mädchen kommt mit 12 Jahren nach Deutschland. Sie hat zuvor in verschiedenen Ländern nur etwa 2 Jahre eine Schule besucht.

  • besucht einige Monate eine Integrationsklasse in einer weiterführenden Schule,
  • wird dann ohne zusätzliche Förderung in die siebte (!) Klasse gesteckt
  • In der achten Klasse wechselt sie aufgrund einer sehr belastenden familiären Situation die Schule.
  • Dort geht sie wieder in die siebte Klasse, da in der achten Klasse kein Platz ist.

Wie soll das Mädchen mit dem Lernstoff in einer für es neuen Sprache und mit einem Defizit von mindestens drei Schuljahren ohne zusätzliche Förderung zurechtkommen?

In beiden Fällen wurde der BuT-Antrag vom Landratsamt Tübingen, Abteilung Soziales, abgelehnt, obwohl er von den Schulen befürwortet wurde.

 

Beim turnusmäßigen Treffen der Vernetzung der Flüchtlingshilfen im Kreis Tübingen wurde die mangelnde schulische Förderung breit diskutiert und als flächendeckendes schwerwiegendes Problem erkannt. Mit Sorge sehen wir das Heranwachsen einer `verlorenen` Generation.  Es sind nicht alle Kinder betroffen, aber doch eine sehr große Anzahl. Äußerst frustrierend für die Paten aus den Unterstützerkreisen ist es, wenn Sie sehen, dass für ihre Schützlinge eine schulische Unterstützung notwendig ist, mühsam die Anträge gestellt werden unter Einbeziehung der Schulen und Lehrer und dann diese unverständlicherweise abgelehnt werden. Hier wird unserer Ansicht nach an der falschen Stelle gespart. Die gesellschaftlichen Folgekosten werden ein Vielfaches betragen. Die bewilligenden Behörden bedürfen klarer Vorgaben, da die Förderung von entscheidender Bedeutung von Integration ist.
Bitte setzen Sie sich dafür ein, dass die o.g. Forderungen baldmöglichst umgesetzt werden können, um den anerkannten Kindern und Jugendlichen eine gute Integration zu ermöglichen.

Für die Vernetzung der Flüchtlingshilfen im Kreis Tübingen

Hanne Schondelmayer (Dusslingen) und Marc Schauecker (Kusterdingen)