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Datum: 
Mittwoch, 21. Juni 2017 - 11:00

Schicksal und Unterstützung einer Roma-Familie

Der Freundeskreis FaM-M sind ein Zusammenschluss von Nachbarn aus der Tübinger Martins-Gemeinde und anderen Stadtteilen, die Flüchtlinge begleiten. Auch eine serbische Dolmetscherin arbeitet bei uns mit. In der Flüchtlingsunterkunft Niethammerstraße haben wir Familie M-M kennen gelernt.

Familie M-M kommt aus Serbien. Als Roma mussten sie dort in einer Mahala, einer illegalen Siedlung auf einer Müllkippe, leben: ohne Strom, ohne fließend Wasser, ohne Kanalisation. Vater, Mutter und vier Kinder. Sie sind aus der Hoffnungslosigkeit zu uns geflüchtet.

In Tübingen hat die Familie erstmals stabile Lebensverhältnisse kennengelernt. Als serbisch-orthodoxe Christen haben sie sich in der Martins-Kirche engagiert. Die Kinder haben die Schule in der Winkelwiese besucht und gut Deutsch gelernt. Im Sommer 2015 kam das fünfte Kind in Tübingen mit 670g auf die Welt. Mitten im Winter 2015/16 wollten unsere Behörden die Familie mit dem 4 Monate zu früh Geborenen nach Serbien abschieben. Das konnte gerade noch verhindert werden. Im Sommer 2016 wollte Familie M-M endgültig nach Serbien ausreisen - freiwillig. Aber Roma sind dort unerwünscht, ausgegrenzt, dem Elend überlassen. Sie wären dort wieder in den Slums gelandet.

Zurück in ein Leben auf der Müllkippe?

Wir, der Freundeskreis FaM-M, hatten eine bessere Idee: Wir suchen in Serbien ein Haus mit einem kleinen Stück Land, das sie bewirtschaften können.

Daraus wurde ein Projekt.

 

Unser Projekt hatte viele Ziele

zum Beispiel,

  • dass diese Familie in menschenwürdigen Verhältnissen lebt,
  • ​dass die Kinder zur Schule gehen, wo sie weiterhin Deutsch sprechen,
  • dass das Jüngste regelmäßig ärztliche Hilfe bekommen kann,
  • dass diese Familie auf einem Grundstück Gemüse und andere Nahrungsmittel anbauen kann,
  • dass Familie M-M eine Lebensperspektive gewinnt,
  • dass sie das Elend der Roma überwindet,
  • dass in Serbien ein Stück Hoffnung auch für Roma wächst.

 

Wir fanden starke Partner

  • zum Beispiel EHO (Ecumenical Humanitarian Organisation) in Serbien. Diese Organisation wird von Brot für die Welt und von der Diakonie Württemberg gefördert. EHO hilft aus Deutschland abgeschobenen Roma bei der Reintegration. Sie kooperiert mit Rechtsberatern, z. B. Romani Crisis, und besorgt wichtige Papiere, damit Roma-Familien staatliche Leistungen in Anspruch nehmen kön-nen. Sie unterstützt Kinder in der Schule und zahlt Ausbildungen. EHO berät Roma in allen Lebensproblemen. EHO ist überlebenswichtig. Im Frühjahr nahmen wir gemeinsam mit Familie M-M den Kontakt auf und regelten die Formalitäten der Rückkehr nach Serbien.
  • zum Beispiel die Martins-Gemeinde in Tübingen. Familie M-M hat sich oftmals ins Gemeindeleben eingebracht: die Mutter hat immer wieder für Gemeindefeste gebacken, die Kinder kamen zum Kindergottesdienst und wirkten fröhlich an Veranstaltungen mit. Die Ge-meinde konnte auf sie zählen und lässt sie in Serbien nicht in Stich.

Wir brauchten Geld

Das Haus, das wir schließlich fanden, kostete EUR 7.500. Es schien geeignet, um der Familie in Serbien einen Start in eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Für einige Sanierungen planten wir ca. EUR 5000 zusätzlich ein. Wir sammelten in den Schulen, im Kindergarten und in der Kirchengemeinde. Das Schwäbi-sche Tagblatt brachte eine ganze Seite über das Projekt. EHO übernahm die Übersetzung wichtiger Papiere und suchte mehrmals den Verkäufer auf. Die Verkaufsverhandlungen zogen sich hin.
Der Spendeneingang war reichlich.

Teil 2

Abreise auf Raten

Das Schuljahr 2015/16 ging zu Ende, die älteren vier Kinder verabschiedeten sich in im Kindergarten und in der Schule, die Familie in einem Gottesdienst.
Die Rückreise war perfekt vorbereitet. Ende Juli 2016 saß die Familie auf gepackten Koffern – und blieb in Tübingen.

Was war passiert?

Mitten in den warmen Spendenregen hinein fielen plötzlich Wermutstropfen: Zum einen hatte der Verkäufer des favorisierten Hauses Angaben gemacht, die mit Hilfe von EHO in letzter Sekunde als Irreführung aufgedeckt werden konnten. Glück im Unglück. Was aber wirklich ärgerlich ist: Beim Bundesamt für Migration und Flucht hier in Deutschland wurden die Pässe des Vaters und der älteren vier Kinder verlegt. Die Familie konnte aus diesen beiden Gründen nicht wie vorgesehen im August ausreisen. 
Die Sommerferien vergingen, und Familie M-M war immer noch hier. Die Kinder gingen wieder in den Kin-dergarten und in die Schule. Die Ratlosigkeit steigerte sich von Tag zu Tag, die Nerven der Familie waren zum Zerreißen gespannt.
Nach Wochen intensiver Recherche schälte sich schließlich doch noch eine positive Kehrseite dieser Verzögerung heraus. Sie hat der Familie ein Haus beschert, das legal errichtet ist und noch besser geeignet erschien als das erste Objekt. Von der Unterstützungsbereitschaft der Tübinger Bürger schwer beeindruckt, ging die Besitzerin des Hauses von ihren Preisvorstellungen herunter und überließ es der Familie M-M für so wenig Geld,  dass noch etwas von den Spenden übrig ist.  Auf wundersame Weise tauchten fast gleichzeitig die Pässe wieder auf und wurden auf den Weg nach Tübingen gebracht. Gesehen haben wir die Pässe aber erst wenige Tage vor der Abreise der Familie am 5. Dezember 2016. Begründung: Die Pässe könnten ja ein weiteres Mal verlorengehen, diesmal mit Absicht. Soll heißen: Sogar ganze Familien könnten plötzlich von der Bildfläche verschwinden.

Exkurs

Roma-Flüchtlinge aus Serbien haben inzwischen so gut wie keine Chance, in Deutschland Asyl zu bekommen, denn Serbien gilt als „sicheres Herkunftsland“. Die meisten kehren freiwillig zurück, wie Familie M-M aus der Niethammer-straße in Tübingen. Welche Realität Rückkehrer in Serbien erwartet, war im Oktober 2016 das Thema einer asylpo-litischen Studienreise unter der Leitung der Ev. Akademie Bad Boll. Aus der Martins-Gemeinde mit dabei waren Monika Petersen (Unterstützerkreis Niethammerstraße) und Johannes Flothow, Referent für Internationale Diakonie, Schwer-punkt Osteuropa, beim Diakonischen Werk Württemberg.

Täglich kehren Roma aus der EU nach Serbien zurück – in ein Land, in dem Roma über Jahrhunderte hinweg von wechselnden Herrschern unterdrückt wurden. Die Reisegruppe stand auf dem Hügel Bubanj bei Nis, einer Gedenkstätte für 10.000 hingerichtete Roma und andere Serben, besuchte nicht weit davon entfernt das ehemalige Konzentrations-lager Crveni Krst („Rotes Kreuz“), das weitgehend im Originalzustand erhalten ist, und ähnliche Stätten dann auch in Belgrad. Immer wieder stieß sie auf in Stein gemeißelte Anklagen der Untaten der deutschen Waffen-SS. Diese Ära ist Vergangenheit, aber die Diskriminierung der Roma hält an. In Serbien nehmen auch die Ausschreitungen von jugend-lichen Extremisten gegen Roma wieder zu.

Leben in Serbien 200.000 oder 600.000 Roma? Die offiziellen Statistiken widersprechen sich. Viele Roma geben sich als Angehörige anderer Minderheiten aus, das erschwert eine seriöse Zählung, bekümmert aber die Regierung nicht. Die serbische Politik überlässt sie nach wie vor bitterster Armut und weitgehend sich selbst. Im Südosten das Landes, in Nis, suchte die Reisegruppe eine der illegalen Roma-Siedlungen auf: Stadtrandlage, keine Kanalisation, Berge von Müll, kein Zugang zu Trinkwasser, Strom und Beheizung – ein Slum-Dasein wie in den Elendsgebieten der großen, weiten Welt, aber dieses und viele andere eben mitten in Europa und doch fernab jeder Fernsehkamera. Nach besseren und vor allem legalen Hütten muss man suchen. Menschenwürdige Unterkünfte entstehen vor allem im Nordwesten, in Novi Sad, wo EHO, eine Partnerorganisation von Brot für die Welt und des Diakonischen Werks Württemberg, mit Roma-Rückkehrern gemeinsam eine Mustersiedlung baut. Aber die Finanzierung solcher Leuchtturmprojekte hängt wesentlich von ausländischen Geldgebern, meistens den Kirchen, ab.

Auch den Nicht-Roma geht es wirtschaftlich nicht gut, aber wenn eine nationale Wirtschaft darnieder liegt, trifft es die ohnehin benachteiligten Minderheiten besonders hart. Wir hörten: Die Lebenserwartung der Roma liegt bei 48 Jahren, die Säuglingssterblichkeit ist doppelt so hoch wie bei der Mehrheitsbevölkerung, kaum ein Kind schließt die achtjährige Grundschule ab; 0,01% der Roma haben einen Hochschulabschluss, aber diese Wenigen bleiben arbeitslos wie die weniger Gebildeten auch. Die Roma-Zugehörigkeit, selbst wenn man sie verschweigt, zeigt sich oft genug am Familiennamen, mehr braucht es nicht, um in der Ausgrenzung zu enden. Ob der Beitritt Serbiens zur EU hieran etwas ändern wird, ist zweifelhaft. Ein wesentliches Hindernis schon für die Integration der Roma in Serbien könnte aber auch in der Getto-Mentalität der Roma selber liegen: Viele verweigern die Verantwortung für sich selbst, aus welchen Gründen auch immer reich gewordene Roma kümmern sich nicht um ihre Landsleute, die vielgerühmte Solidarität untereinander er-scheint aufgebrochen. Es gibt keine einheitliche politische Willensbildung, die verschiedenen Roma-Gruppen misstrauen sich gegenseitig. Flucht ist vielleicht Ausdruck des Versuchs, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, ein Zeichen für ein doch noch vorhandenes Selbsthilfepotential, das anders nicht zum Zuge kommen kann.

Für Rückkehrer gibt es einen Aktionsplan zur Re-Integration bis 2025, der jedoch, so die Vertreter der Menschenrechtsorganisationen, die inzwischen an die EU-Richtlinien angepassten humanitären Standards der serbischen Verfassung nicht umsetzt. Viele Pro-Roma-Organisationen beklagen, dass Unterstützungs-gelder aus dem Ausland an der Basis nicht ankommen.

Teil 3

Familie M-M ist zurückgekehrt
Die Rückkehr von Familie M-M nach Serbien hat am 5. Dezember 2016 stattgefunden, aber ein typischer Abschied, das Ringen um letzte Worte oder was man sich so vorstellen mag, war es bei Weitem nicht.

Die Regie in den letzten beiden Stunden in Deutschland übernahm völlig unerwartet die Polizei im Stuttgarter Flughafen. Als sich nämlich Familie M-M vorschriftsmäßig aus Deutschland abmelden wollte, wurde ihr eine Strafanzeige wegen illegaler Einreise vorgelegt. Kaum hatte sich bei der Familie und den Freunden aus Tübingen die Verblüffung über diesen Vorwurf und über den doch reichlich verspäteten Zeitpunkt der Sanktion gelegt, entfaltete sich vor ihren Augen ein Glanzstück deutscher Bürokratie, das die Familie beinahe um das rechtzeitige Boarding gebracht hätte. Zum Glück war unsere serbische Dolmetscherin zugegen. Ihr fiel schließlich die Weitergabe der Mitteilung zu, dass ihnen die Anzeige nach Serbien nachgeschickt werde. Immerhin durfte die Familie ihre freiwillige Ausreise dann zu Ende bringen.

Nach der Landung in Belgrad trat Familie M-M sofort die Weiterreise in den Südosten an, um die ersten Tage bei Verwandten zu verbringen. Die Eltern hatten entschieden, in das kleine Häuschen in Grdelica, das seit Dezember 2016 endgültig der Mutter gehört, erst dann einzuziehen, wenn ein serbisch-orthodoxer Priester es im Namen ihres langjährigen Schutzheiligen, des Heiligen Michael, gesegnet habe. So halten gläubige Roma es seit Jahrhunderten. Der Namenstag des Patrons wird jedes Jahr mit einer feierlichen Zeremonie und einem großen Fest begangen.
Nach zwei Jahren in Deutschland fällt die Wiedereingewöhnung sicherlich schwer, auch wenn Serbien das Land ist, das sie kennen, wo ihre Angehörigen leben, in dem die Kinder bis auf das jüngste aufgewachsen sind, das allen Widrigkeiten zum Trotz ihre Heimat ist. Lange genug haben sie seine Schattenseiten zu fürchten gelernt: die Benachteiligung aus ethnischen Gründen, die mangelnde Perspektive für sich und ihre Kinder, das Elend, in dem der Staat die Roma sich selber überlässt. Das Leben auf der Müllkippe werden sie hinter sich lassen, aber die Zukunft, der sie entgegen gehen, hält für sie nur äußerst bescheidene Verhältnisse bereit. Es bleibt zu hoffen, dass die Kinder von den positiven Erfahrungen, die sie in Deutschland in der Schu-le und im Kindergarten machen konnten, noch lange zehren, dass sie sie ein Stück weit durch die unvermeid-bare Ausgrenzung tragen und den Schulabbruch verhindern. Alle Formalitäten, die Rückkehrer in Serbien ab-zuwickeln haben, sind erledigt, die Krankenversicherung ist beantragt, insbesondere das jüngste Kind wird die erforderliche medizinische Beobachtung erhalten. Aber mindestens sechs Monate bleiben sie von der serbi-schen Sozialhilfe gesperrt. In wenigen Wochen wird die Mutter Gemüse anbauen, vielleicht eine Ziege und Hühner anschaffen und mit ihrem Mann alles daran setzen, ihre Familie über Wasser zu halten. Die deutschen Freunde hier in Tübingen werden den Kontakt halten und helfen, soweit dies möglich ist.

Bevor zumindest die Kinder vielleicht eines Tages zu Ausbildungszwecken oder als Arbeitsmigranten legal nach Deutschland zurückkehren, können wir einstweilen dazu beitragen, dass die Familie in ihrem Häuschen heimisch wird. Einige Handwerker und die Architektin von EHO (Ecumenical Humanitarian Organization, Novi Sad) sind bereits mit ihnen im Kontakt, um Anbaumaßnahmen am Haus zu planen. Die aus der Spendenak-tion 2016 übrig gebliebenen Gelder werden nach und nach in die weiteren Vorhaben einfließen.

Monika Petersen